
Dies ist eine Übersetzung des Transkripts eines Videos von Theodore Nottingham.
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https://www.youtube.com/watch?v=QClXHznzZhM&t=700s
Es gibt Bibelstellen, die wir so oft gehört haben, dass sie ihre Kraft verloren haben, uns zu erschüttern.
Wir nicken ihnen zu, wie man einem vertrauten Gesicht in der Menge zunickt – höflich, automatisch, ohne echte Erkenntnis.
Und doch sind in dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser drei Zeilen eingebettet, die uns, richtig gehört, abrupt zum Stehenbleiben bringen sollten.
Und die bequeme Illusion zertrümmern, dass wir bereits als bewusste Menschen leben. „Wach auf, o Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dir Licht geben.“
Hören wir diese Worte doch einmal, als wäre es das erste Mal. Paulus spricht nicht metaphorisch. Er entwirft kein angenehmes poetisches Bild für eine Sonntagspredigt.
Er stellt eine Diagnose – klar, klinisch und verheerend. Er sagt uns, dass unser normaler Zustand Schlaf ist. Dass das, was wir unser Leben nennen, eine Form des Todes ist.
Und dass es eine leuchtende Realität gibt, ein göttliches Licht, das uns nicht erreichen kann, bis wir aus diesem katastrophalen Zustand erwachen.
Der Kontext dieses Abschnitts ist entscheidend. Paulus hat gerade den Kontrast zwischen Finsternis und Licht beschrieben, zwischen den fruchtlosen Werken der Finsternis und der Frucht des Lichts, die in aller Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit besteht.
Dann zitiert er, was Gelehrte für eine frühe christliche Taufliturgie halten – ein Fragment antiker liturgischer Poesie, das die ersten Gläubigen sangen, als sie in die Wasser der Verwandlung eintauchten.
Das war keine Dekoration. Es war Unterweisung. Es war eine Erinnerung daran, dass das christliche Leben nicht mit Glauben beginnt, nicht mit moralischer Besserung, nicht mit Kirchenbesuch, sondern mit dem Erwachen.
Das griechische Wort, das Paulus verwendet, ist dasselbe Wort, das für die Auferstehung Christi aus dem Grab gebraucht wird. Dasselbe Wort. Das ist keine sanfte Aufforderung, besser acht zu geben.
Es ist ein Befehl, den selben radikale Übergang von Tod zu Leben zu durchlaufen, den Christus selbst demonstriert hat.
Es ist an den getauften Christen gerichtet, nicht an den ungetauften Heiden. Paulus sagt Menschen, die bereits glauben, die bereits zur Kirche gehören, die bereits an den Sakramenten teilnehmen: Ihr schlaft noch.
Ihr seid noch unter den Toten. Und ihr müsst aufwachen. Wie kann das sein? Wie kann jemand, der Glauben bekennt, der am Gottesdienst teilnimmt, der die Schriften liest, noch schlafen?
Die Antwort auf diese Frage ist das Wichtigste, das ich mit euch teilen kann, denn sie öffnet eine Tür, die, einmal durchschritten, alles verändert.
Die großen Lehrer der orthodoxen Kirche, die Wüstenväter, die Hesychasten, die Autoren der Philokalia verstanden Paulus’ Worte mit einer Präzision, die die meiste moderne Christenheit verloren hat.
Sie behandelten den Schlaf nicht als Metapher für Sünde oder Unglauben. Sie erkannten ihn als wörtliche Beschreibung des menschlichen Zustands, als einen Zustand tiefer Unbewusstheit, der sich als Wachheit tarnt.
Der Heilige Simeon der Neue Theologe, der außergewöhnliche Mystiker des 11. Jahrhunderts, schreibt mit sengender Klarheit: „Wir alle schlafen, obwohl wir glauben, wach zu sein. Wir sind blind, obwohl wir glauben, zu sehen. Wir sind tot, obwohl wir glauben, lebendig zu sein.“ Das ist keine poetische Übertreibung. Es ist eine diagnostische Aussage eines Mannes, der echtes Erwachen erlebt hatte und daher mit schmerzlicher Klarheit die Tiefe der gewöhnlichen menschlichen Unbewußtheit sehen konnte.
Die Philokalia, diese monumentale Sammlung von Schriften über das innere Leben vom 4. bis 15. Jahrhundert, kehrt mit hartnäckiger Beharrlichkeit zu diesem Thema zurück. Heiliger Hesychios, der Priester, definiert die Praxis der „Nepsis*“, der Wachsamkeit, als eine geistliche Methode, die einen Menschen mit Gottes Hilfe vollständig von leidenschaftlichen Gedanken, leidenschaftlichen Worten und bösen Handlungen befreit.
Aber beachte, was das impliziert. Wir brauchen eine Methode, um frei zu werden. Unser natürlicher Zustand ist Knechtschaft. Ohne bewusste, anhaltende, praktische Anstrengung bleiben wir Gefangene der mechanischen Abläufe unserer eigenen Psyche.
Evagrios Pontikos, der im 4. Jahrhundert schrieb, bringt es mit verheerender Schlichtheit auf den Punkt: „Die Dämonen greifen uns ständig an, aber wir merken es nicht, weil wir schlafen.“
Hier ist die wesentliche Lehre. Die Kräfte, die uns in der Finsternis halten, was die Väter „Logismoi*“ nennen, die leidenschaftlichen Gedanken, die uns regieren, wirken genau deshalb, weil wir uns ihrer nicht bewusst sind.
Sie gedeihen in der Dunkelheit. Sie sind auf unseren Schlaf angewiesen. Der Heilige Nikodemus vom Heiligen Berg beschreibt in seinen Anweisungen zum Bewahren des Herzens einen präzisen vierstufigen Prozess, durch den ein Gedanke uns erobert.
Zuerst „Provokation“. Der Gedanke nähert sich. Dann „Verknüpfung“. Wir beginnen, uns mit ihm einzulassen. Dann „Zustimmung“, wir stimmen ihm zu. Und schließlich „Gefangenschaft“, wir werden vollständig davon fortgerissen.
Die gesamte Bahn von Freiheit zur Knechtschaft geschieht in Sekunden, und wir sehen es nicht, weil wir nicht bei uns selbst anwesend sind.
Wir schlafen am Steuer unseres inneren Lebens. Das meint Paulus, wenn er sagt: „Wach auf.“ Er meint: Werde anwesend, werde bewusst, fang an zu sehen, welche mechanischen Prozesse dich von Moment zu Moment regieren.
Hör auf, von Kräften gelebt zu werden, die du nie beobachtet hast, und fang an, aus einem Ort echter innerer Bewusstheit zu leben.
Hier bieten uns die Lehren des Vierten Wegs, richtig verstanden und auf ihre spirituellen Grundlagen zurückgeführt, ein außergewöhnliches Geschenk.
Denn was die heiligen Väter in der Sprache der asketischen Theologie beschrieben, beschreibt der Vierte Weg in der Sprache der praktischen Psychologie.
Und die beiden Darstellungen beleuchten einander mit bemerkenswerter Kraft. Die Lehre des Vierten Wegs, wie sie durch die Arbeiten von G.I. Gurdjieff und seinem Schüler P.D. Ouspensky überliefert und später mit großer Klarheit vom britischen Psychiater und Lehrer Maurice Nicoll weiterentwickelt wurde, beginnt mit einer einzigen verheerenden Beobachtung:
Menschen sind nicht bewusst. Wir glauben, wach zu sein, aber wir sind es nicht. Wir glauben, ein einheitliches „Ich“ zu besitzen, ein einziges permanentes Selbst, das Entscheidungen trifft und unser Leben lenkt, aber wir sind es nicht und haben es nicht.
Was wir „Ich“ nennen, ist in Wirklichkeit ein ständig wechselndes Karussell desmomentanen Selbst, mechanischer Reaktionen, emotionaler Gewohnheiten, konditionierter Antworten, von denen jedes behauptet, die ganze Person zu sein, jedes widerspricht dem vorherigen, jedes verschwindet so schnell, wie es erschien.
Ouspensky schreibt: „Der Mensch, wie wir ihn kennen, die Mensch-Maschine, der Mensch, der nicht tun kann und durch den alles geschieht, kann kein permanentes und einheitliches Ich haben. Sein Ich wechselt so schnell wie seine Gedanken, Gefühle und Stimmungen.“ Das ist keine Philosophie. Es ist eine Einladung, einen Fakt über uns selbst genau jetzt, in diesem Moment zu überprüfen.
Beobachtet. Wer hört diesen Worten zu? Ist es dasselbe „du“, das vor fünf Minuten ans Abendessen dachte? Dasselbe „du“, das heute Morgen von einer Bemerkung gereizt war? Dasselbe „du“, das im Januar aufrichtig beschloss, dein Leben zu ändern? Maurice Nicoll, der bei Gurdjieff und Carl Jung studierte und die letzten 20 Jahre seines Lebens den durchdringendsten Kommentaren zu dieser Lehre widmete, erklärt, warum diese Erkenntnis so essenziell ist.
„Du kannst nicht ändern, was du nicht siehst, und du kannst dich nicht wahrhaft sehen, solange du mit dir selbst identifiziert bist.“
Dieses Wort, „Identifikation“, ist der Schlüssel zum Verständnis der Natur des Schlafs. Schlaf im Sinne des Vierten Wegs ist nicht das Fehlen geistiger Aktivität.
Unsere Köpfe sind im Schlaf außergewöhnlich aktiv. Wir denken ständig. Wir reagieren ständig. Wir planen, sorgen uns, phantasieren, erinnern uns, bedauern – unaufhörlich, ohne einen Moment echter Selbstbewusstheit.
Schlaf ist nicht das Fehlen geistigen Inhalts. Es ist das Fehlen dessen, der diesen Inhalt bezeugen könnte. Es ist die totale Absorption des Bewusstseins in das, was gerade durch uns hindurchzieht.
Nicoll formuliert es mit charakteristischer Präzision: „Identifikation ist die furchtbarste Kraft, die den Menschen im Schlaf hält. Der Mensch ist immer mit etwas identifiziert – mit seinen Gedanken, Gefühlen, seinem Körper, seinen Begierden, Ambitionen, Ängsten. Er ist so verschmolzen damit, dass niemand mehr da ist, um sie zu beobachten. Und das ist Schlaf.“
Betrachte, wie perfekt das mit dem übereinstimmt, was der Heilige Hesychios über Nepsis lehrt. Die Väter weisen uns an, zu wachen, Wache zu stehen an der Tür des Herzens, die Annäherung der Gedanken zu beobachten, bevor sie uns erobern.
Aber was ist dieses Wachen anderes als die Schaffung eines bewussten Zeugen in uns selbst? Was ist die Praxis der Wachsamkeit anderes als die bewusste Kultivierung eines Teils von uns, der nicht identifiziert ist, nicht schläft, nicht von jedem vorübergehenden geistigen und emotionalen Ereignis fortgerissen wird?
Die Konvergenz ist tief und ich glaube, providential. Die praktische Psychologie des Vierten Wegs gibt uns die präzisen Werkzeuge, um zu verstehen und zu praktizieren, was die Philokalia seit 17 Jahrhunderten lehrt.
Aber Paulus bleibt nicht bei „wach auf“ stehen. Er fährt fort: „steh auf von den Toten.“ Hier vertieft sich die Lehre zu etwas noch Radikalerem, noch Anspruchsvollerem und noch Befreienderem.
Gurdjieff drückte dieses Prinzip in einer Formulierung von außergewöhnlicher Verdichtung und Kraft aus: „Ein Mensch mag geboren werden. Aber um wiedergeboren zu werden, muss er zuerst sterben. Und um zu sterben, muss er zuerst aufwachen.“
Lassen wir diese Worte wirken. Sie beschreiben eine dreistufige spirituelle Transformation, die genau zu Paulus’ dreiteiligem Befehl passt.
Erstens: „Aufwachen.“ Bewusst werden deines tatsächlichen Zustands, deiner Mechanität. Zweitens: „Sterben.“ Die falsche Persönlichkeit, die konstruierte Persona, das Ego, die Sammlung von Gewohnheiten und Anmaßungen, die du für dein wahres Sein gehalten hast, auseinanderfallen lassen.
Drittens: „Geboren werden.“ Etwas völlig Neues, etwas mit einer höheren Realität Verbundenem, in dem Raum entstehen lassen, den dieser Tod geschaffen hat.
Das ist keine einmalige Sequenz. Es ist der Rhythmus des echten spirituellen Lebens, der täglich, stündlich, in jedem Moment bewusster Anstrengung vollzogen wird.
Der Tod, den Gurdjieff beschreibt, ist kein physischer Tod. Es ist der Tod der „falschen Persönlichkeit“, der elaborierten Konstruktion aus Selbstbildern, Reaktionen, Puffern und Abwehrhaltungen, die das ausmachen, was wir normalerweise „ich selbst“ nennen.
Maurice Nicoll widmete Band um Band seiner psychologischen Kommentare der Hilfe für seine Schüler, diesen Unterschied zwischen „Persönlichkeit“ – dem Erworbenen, Mechanischen, letztlich Falschen – und „Essenz“ – dem, was wirklich unseres ist, was real ist, was Gott uns als Keim unseres authentischen Seins gegeben hat – zu verstehen.
Nicoll schreibt: „Die Persönlichkeit muss passiv werden, damit die Essenz wachsen kann.“ Das ist die Bedeutung des „Stirb zu dir selbst“. Christus sagt: „Wenn ein Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Stirbt es aber, so bringt es viel Frucht.“ Er beschreibt genau diesen Prozess. Die harte Schale unseres erworbenen, mechanischen, gewohnheitsmäßigen Selbst muss aufbrechen, damit der lebendige Keim darin – unsere Essenz, das Bild Gottes, das in uns gepflanzt ist – endlich keimen und wachsen kann.
Der Heilige Maximus der Bekenner spricht von derselben Realität, wenn er den Prozess der „Theosis“, der Vergöttlichung, beschreibt – die Transformation des Menschen in ein lebendiges Gefäß göttlichen Lebens.
Er lehrt, dass diese Transformation die systematische Reinigung des „Nous“, des geistigen Intellekts, des Auges der Seele, von den Verzerrungen erfordert, die durch die Leidenschaften entstehen. Was sind diese Verzerrungen anderes als die mechanischen Muster, die gewohnheitsmäßigen Reaktionen, die falsche Persönlichkeit, die der Vierte Weg mit solcher klinischer Genauigkeit beschreibt?
Der Weg ist derselbe. Die Väter und die authentische Lehre des Vierten Wegs zeigen auf denselben Berg, wenngleich sie ihn von verschiedenen Hängen besteigen.
Der Gipfel ist die „Theosis“, die Vereinigung mit Gott, das Scheinen von Christi Licht auf und in der erwachten Seele.
Der letzte Satz von Paulus’ Hymne ist kein Befehl, sondern eine Verheißung. „Und Christus wird dir leuchten, und Christus wird dir Licht geben.“ Das ist die Gnade, die unserem Bemühen begegnet.
Das ist die göttliche Antwort auf menschliches Erwachen. Wenn wir aufwachen, wenn wir zulassen, dass das Falsche stirbt, geschieht etwas, das wir allein mit unseren Kräften nie hervorbringen könnten.
Ein Licht beginnt zu scheinen. Eine Präsenz wird verfügbar. Ein Bewusstsein, das nicht bloß menschlich ist, beginnt unsere innere Welt zu erleuchten.
Der Vierte Weg spricht von höheren Bewusstseinszuständen, was Gurdjieff die dritten und vierten Zustände nannte: Selbstbewusstsein und objektives Bewusstsein.
Im dritten Zustand reagiert eine Person nicht mehr bloß auf das Leben, sondern ist gleichzeitig bewusst des Erlebnisses und bewusst, dass sie es erlebt.
Das nennt die orthodoxe Tradition „Nepsis“ in ihrer Fülle – nicht bloß Gedanken erwischen, sondern in einer anhaltenden Bewusstheit wohnen, die die Qualität von allem, was wir wahrnehmen und tun, transformiert.
Aber der vierte Zustand, das objektive Bewusstsein, entspricht etwas, das die Väter weit besser kannten, als Gurdjieff es je ausdrückte.
Das ist der Zustand, in dem das göttliche Licht selbst zum Medium der Wahrnehmung wird. Das ist es, wofür der Heilige Gregor Palamas sein Leben verteidigte. Die Realität des „unerschaffenen Lichts“, desselben Lichts, das auf dem Berg Tabor bei der Verklärung strahlte, des Lichts, das keine Metapher ist, sondern der tatsächliche Glanz von Gottes eigenem Sein, zugänglich dem gereinigten Herzen.
„Und Christus wird dir Licht geben.“ Das ist keine abstrakte Theologie. Das ist erfahrungsgemäßes Zeugnis. Die frühen Christen kannten dieses Licht. Die Hesychasten kannten dieses Licht.
Die Heiligen durch die Jahrhunderte haben von diesem Licht gezeugt. Und es steht uns zur Verfügung – nicht als ferne theologische These, sondern als lebendige Realität, die in unsere Erfahrung eintritt, wenn wir die Bedingungen für ihre Aufnahme schaffen.
Diese Bedingungen schafft genau die Arbeit des Erwachens. Indem wir uns unseres Schlafs bewusst werden, uns von der falschen Persönlichkeit lösen, den inneren Zeugen kultivieren, der in der Präsenz des Wahren stehen kann, schaffen wir, was der Heilige Seraphim von Sarow als „die Erlangung des Heiligen Geistes“ beschrieb.
Wir verdienen keine Gnade, wir können kein göttliches Licht herstellen, aber wir können aufhören, es zu blockieren. Wir können die Hindernisse entfernen. Wir können den Boden freimachen. Und wenn der Boden frei ist, kommt das Licht, wie es immer kommen wollte, wie es seit unserer Geburt kommen wollte.
All das muss nun praktisch werden, sonst bleibt es nur eine weitere Ideensammlung, mit der wir uns identifizieren. Eine Identifikation mit spirituellen Ideen ist vielleicht die tiefste Form des Schlafs.
Lassen Sie mich daher so klar wie möglich einige Hinweise geben für diejenigen, die Paulus’ Ruf hören und darauf antworten wollen.
„Beginnen Sie mit der Selbstbeobachtung.“ Das ist die Grundlage aller echten spirituellen Arbeit. Maurice Nicoll lehrt, dass Selbstbeobachtung ohne Urteil, ohne Kritik, ohne jeden Versuch ausgeübt werden muss, das Beobachtete zu verändern.
Sie versuchen nicht, sich zu verbessern. Sie versuchen, sich zu sehen. Beobachten Sie Ihre mechanischen Reaktionen. Achten Sie darauf, wann Sie sich identifizieren – mit einer Emotion, einem Gedanken, einer Meinung, einem Groll.
Achten Sie darauf, wie schnell das „Ich“ im Laufe des Tages wechselt. Urteilen Sie nicht über das, was Sie sehen. Sehen Sie es einfach. Das allein schafft schon eine Trennung zwischen Beobachter und Beobachtetem.
Und diese Trennung ist der erste Riss von Licht in der Dunkelheit des Schlafs.
„Dann üben Sie Nicht-Identifikation.“ Wenn Sie bemerken, dass Sie vollständig in einer negativen Emotion, einem besorgten Gedanken, einer selbstrechtfertigenden Erzählung aufgegangen sind, üben Sie, zurückzutreten.
Nicoll nennt das „nicht mit dem Ich gehen“. Sie unterdrücken den Gedanken oder die Emotion nicht. Sie verschmelzen einfach nicht vollständig damit. Sie schaffen einen winzigen Raum, eine Lücke zwischen Reiz und Reaktion, in der etwas Bewusstes existieren kann.
Diese Lücke ist heiliger Boden. Es ist der Ort, an dem Nepsis beginnt.
„Üben Sie das Selbst-Erinnern.“ Das ist die Anstrengung, sich selbst bewusst zu sein, während man gleichzeitig bewusst ist, was um einen herum geschieht.
Ouspensky beschreibt das Experiment: Versuchen Sie, sich zwei Minuten lang selbst bewusst zu sein. Beobachten Sie, wie schnell Sie es vergessen. Beobachten Sie, wie der Strom mechanischer Gedanken Sie fortspült.
Lassen Sie sich nicht entmutigen. Die Beobachtung dessen, wie schwer es ist, bewusst zu bleiben, ist selbst schon ein Akt des Erwachens.
Jeder Moment des Selbst-Erinnerns, so kurz er auch sei, legt etwas Reales in Ihnen ab, etwas, das sich ansammelt, etwas, das wächst.
„Lernen Sie, die Unbehaglichkeit zu ertragen, sich so zu sehen, wie Sie sind.“ Das ist das, was die Väter den Beginn des „Penthos“, der Reue, nennen – eine schöpferische Traurigkeit, die das Herz öffnet.
Wenn Sie anfangen, Ihre Mechanität, Ihre Kleinlichkeit, Ihre endlose Selbstbesorgnis zu sehen, ist es schmerzhaft.
Dieser Schmerz ist keine Strafe. Es ist das Zeichen, dass etwas in Ihnen lebendig genug wird, um die Wahrheit Ihres Zustands zu fühlen.
Nicoll schreibt, dass dies der Moment ist, in dem echte Veränderung möglich wird, denn nur das, was Sie sehen, kann transformiert werden.
„Und erinnern Sie sich: Sie können das nicht allein.“ Die Väter haben das spirituelle Leben nie als solitär beschrieben. Sie sprachen von Gnade, göttlicher Hilfe, der unentbehrlichen Rolle des Heiligen Geistes.
Der Vierte Weg erkennt in seiner besten Form ebenfalls an, dass menschliche Anstrengung allein unzureichend ist, dass bewusste Anstrengung die Bedingungen schafft, damit etwas Höheres herabsteigt.
„Betet. Bittet um Hilfe. Öffnet euch der Möglichkeit, daß eine wohlwollende, intelligente Kraft bereits in euch wirkt und nur auf eure Bereitschaft wartet, verändert zu werden.“
Diese Praktiken sind nicht komplex. Sie erfordern keine spezielle Ausrüstung, keine institutionelle Mitgliedschaft, keine exotischen Umstände.
Sie können inmitten des gewöhnlichen Lebens unternommen werden – an Ihrem Schreibtisch, in Ihrer Küche, während eines Gesprächs, beim Gehen auf der Straße.
Tatsächlich muss die Arbeit des Erwachens genau inmitten des gewöhnlichen Lebens stattfinden, denn dort schlafen wir am tiefsten.
Ich kehre ein letztes Mal zu Paulus’ Worten zurück, denn es gibt etwas darin, das wir nicht übersehen dürfen: ihre Dringlichkeit.
„Wach auf, o Schläfer.“ Nicht „überlege, ob du aufwachen solltest, wenn es passt“. Nicht „lies über das Aufwachen und bilde dir eine Meinung“. Nicht „besuche ein Seminar über das Aufwachen“. „Wach jetzt auf. Heute.“
In diesem Moment sind wir sterbliche Wesen. Unsere Zeit in diesem Körper, in diesem Leben, mit dieser kostbaren Gelegenheit zur Transformation ist endlich und schwindet mit jeder Stunde.
Die großen spirituellen Traditionen sind sich einig in diesem Punkt. Die Zeit ist die wertvollste Substanz, die wir besitzen, und wir vergeuden sie, als wäre sie unendlich.
Maurice Nicoll, der während der Dunkelheit des Zweiten Weltkriegs schrieb, einer Zeit, die jedes spirituelle Prinzip, das er lehrte, auf die Probe stellte, kehrte immer wieder zu diesem Thema der Dringlichkeit zurück.
Er sagte seinen Schülern: „Die ganze Arbeit lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Lerne, dich selbst zu beobachten, ohne dich zu identifizieren. Das ist Anfang, Mitte und Ende der Arbeit.“
Er sagte das nicht, weil die Anweisung einfach war. Er sagte es, weil das Leben kurz ist und das Wesentliche vom Nebensächlichen unterschieden werden muss.
Die Verheißung, die in Paulus’ Hymne eingebettet ist, ist atemberaubend in ihren Implikationen. „Christus wird dir Licht geben.“ Das göttliche Licht, das unerschaffene Licht der Verklärung, das Licht, das die Heiligen mit den Augen eines gereinigten Herzens gesehen haben, wird dein Sein erleuchten.
Nicht in einem fernen Jenseits, nicht als Belohnung für perfektes Verhalten, sondern als natürliche Folge des Aufwachens und des Zulassens, daß das Falsche stirbt.
Das ist der Pfad, der von den frühesten Taufhymnen der apostolischen Kirche über die Wüstenklöster Ägyptens und Syriens, über die Hesychastenmeister des Berges Athos, durch die Philokalia-Tradition in all ihrer Tiefe und Präzision bis in unsere Tage reicht, wo er so lebendig und notwendig bleibt wie eh und je.
Der Pfad ist real. Die Werkzeuge sind verfügbar. Das Licht wartet. „Wach auf, Schläfer, steh auf von den Toten, und Christus wird dir Licht geben.“
Anm:
Für die Skeptiker und Zweifler und die Sich-Bereits-Für-Wach-Haltenden:
Mache eine Übung, um für dich selbst zu verifizieren, wie oft du schläfst oder wach bist, indem du dir für den morgigen Tag vornimmst, keinen Satz mit dem Wort „Ich“ zu beginnen.
